AKTIV und VITAL: KW 41/20 – Mörderische Geschichten

Der Wirt des Göllheimer Häuschens war zum Mörder geworden, schon mehr als einmal. Der Knecht des Wirts war sein Mitwisser und tötete genau wie der Wirt um des schnöden Geldes Willen. Der Knecht hatte aber noch ein Gewissen, das ihn Tag und Nacht nicht in Ruhe ließ, bis er schließlich wahnsinnig wurde. Das war seine Strafe! Er träumte, als er noch im Besitz aller seiner Sinne war, dass der Geist des zuletzt Ermordeten wiederkehren würde.

In einer stürmischen Nacht brach das Rad der Postkutsche kurz vor Göllheim und der einzige Fahrgast musste in der Wirtschaft übernachten. Es war der Bruder des Mannes, der erst kürzlich aus Amerika kommend in eben dieser Wirtschaft den Tod fand. Die beiden glichen sich wie ein Ei dem anderen, sodass es nicht verwunderte, wenn der Knecht beim Eintritt des Fremden in die Gaststube ausrief: „Das ist der Geist!“.

Der Reisende war von dem Empfang unangenehm berührt, war aber so müde, dass er nach einem kurzen Imbiss seine Schlafkammer aufsuchte. Der Wirt führte ihn persönlich in jenes Zimmer, in dem es nicht geheuer war und nur ein einziges großes Bett stand. Nachts waren unheimliche Geräusche zu hören, schlürfende Schritte, knarrende Dielen. Der Gast legte sich nieder, konnte aber trotz großer Müdigkeit lange Zeit keinen Schlaf finden. Was war das vorhin, als er am Fenster stand und in den Regen schaute? Draußen stand sein Bruder und als er ihn rief, da verwandelte sich sein Gesicht in das des Knechtes. Was hatte dieses Bild zu bedeuten? Er grübelte und grübelte, die Augen fielen ihm zu.

Doch kurze Zeit darauf wachte er von einem sonderbaren Gepolter, von lautem Stöhnen und dem Wirrwarr vieler Stimmen auf. Er machte Licht und ein eisiger Schreck fuhr ihm in die Glieder. Der Himmel seines Bettes bewegte sich langsam aber stetig von oben auf ihn herab. Mit einem Satz war er aus dem Bett und sah gelähmt zu, wie der Himmel sich auf sein Bett herabsenkte. Das wäre sein Tod gewesen! Der Fremde warf sich seinen Mantel über, zog seine Pistole und ging vorsichtig die Treppe hinunter. Aus der Gaststube drang lautes Röcheln und wildes Schreien. Behutsam öffnete er die Tür und sah wie der wütende Knecht mit wildflackernden Augen über dem Wirt kniete und ihn würgte.

Jede Hilfe kam zu spät! Der Mörder war tot und der Komplize war wahnsinnig. Nun erst erfuhr der Reisende, dass sein Bruder hier sein Leben hat lassen müssen, als er unter dem Betthimmel erstickte und in dem tiefen Brunnen ruhte, wie viele, viele andere. Seitdem soll es an diesem Ort nicht ganz geheuer sein.

Quelle: Unsere Heimat von Georg Spieß

Der Wald um das Göllheimer Häuschen lädt heute zum Wandern ein. Machen Sie doch einmal einen gemütlichen Spaziergang und erleben Sie den Wald in seiner herbstlichen Schönheit. Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn sich die Blätter färben und der Wald sich in einer neuen Farbgestaltung zeigt. Vielleicht finden Sie auch ein schönes Fotomotiv. Und lassen Sie sich nicht von dieser Geschichte beeinflussen. Die Wirtsleute im Göllheimer Häuschen werden Ihnen sicherlich nicht nach dem Leben trachten. Lieber versorgen sie Sie mit Speis und Trank, damit es Ihnen gut geht.

Zitat:

Der Herbst ist des Jahres schönstes farbiges Lächeln.

Willy Meuer *1934